“Keine Schwulen ins Pfarrhaus”?!

Wenn mal wieder ein Theologe im Web eine Intiative bewirbt, die gleichgeschlechtlichen Pfarrer-Paaren den Einzug in Württembergs Pfarrhäuser verwehren will, dann kommt man kaum an der Frage vorbei, was da eigentlich schief gelaufen ist.
Das ist garnicht so einfach zu beantworten. Schließlich ist kein Mensch mehr so naiv, dass er glaubt, da wachsen Leute im Dorf genauso auf wie er oder sie selbst und beschließen dann aber plötzlich: “So, ab heute bin ich schwul, um den Herrn Jesus zu ärgern”. Und ich glaube, dass es sich auch in den kleineren Dörfern der Republik langsam herumspricht, dass es normale Menschen gibt, die eben einfach schwul oder lesbisch sind, ohne gleich im knappen, pinken Klamotten auf die Straße zu gehen und wilde Sex-Orgien vor dem Kindergarten zu feiern. Und doch gibt es diese Initiativen, die es ganz normalen gleichgeschlechtlichen Paaren verbieten wollen, dem nachzugehen was sie als ihre Berufung empfinden, nämlich als Pfarrer im Pfarrhaus Dienst zu tun. (Siehe http://www.medrum.de/content/initiativkreis-evang-kirchenprofil – 2.3.2011)
Man könnte sich nun darüber auslassen, dass es eine wundervolle Sache ist, wenn dieses homophobe und menschenfeindliche Profil verschwimmt, das wir angeblich haben und das die Initiative oben gern bewahren würde, denn dann gewönne die Kirche vielleicht ein klein bisschen mehr Glaubwürdigkeit vor Menschen die nicht schon in ihr geboren wurden, aber darum geht es jetzt nicht. Es geht darum, wie es dazu kommen kann, dass eigentlich vernünftige Menschen Freunden von mir verbieten wollen, sie selbst zu sein und gleichzeitig in der Kirche zu dienen.
Dass die Bibelstellen gegen die Homosexualität Grund für die Initiative sind, glaube ich eigentlich nicht, denn es protestiert auch keiner, dass man im Pfarrhaus nicht noch seine Kinder verprügeln darf, auch wenn da noch eindeutigere biblische Befunde vorliegen (vlg. z.B. Sprüche 13,24; 23,13; …), die wir auch nur um der Gesellschaft willen aufgegeben haben.
Was könnte es dann sein? Ginge es irgendwie um die Sexualmoral, hätten auch Heterosexuelle im Pfarrhaus nichts verloren. Selbst die offiziell nichtsexuellen katholischen Priester benehmen sich ja zu häufig in einer ganz eigenen Liga daneben, wie wir trauriger Weise erfahren mussten. Und sowieso gälte für gleich-geschlechtliche Paare nach der Vorlage der Evangelischen Kirche Deutschland ähnliches wie für alle Pfarrer, nämlich die Voraussetzung einer rechtlich geregelten Lebensgemeinschaft. (‘Verheiratet’ sind die gleichgeschlechtlichen Paare in dem Fall ja auch nur deswegen nicht, weil wir es ihnen nicht erlauben.)
Was ist es also?
Ich habe die traurige Befürchtung, dass das Problem im Kern nichts anderes ist, als diese instinktive Scheu, die wir als Kinder auch vor dem ersten Schwerbehinderten hatten, den wir gesehen haben, oder vor anderem ganz fremdem. Diese Furcht vor dem Fremden ist menschlich, durchaus verständlich und ein Stück weit entschuldbar, und es ist auch nicht leicht, als fundamentalistisch denkender Mensch schwule oder lesbische Freunde zu finden, die einem helfen, die Berührungsängste abzubauen. Ich erinnere mich selbst noch sehr gut an das Gefühl, als mir jemand erzählte, dass ein Freund von mir, mit dem ich fast täglich Kaffee trank zu der Zeit, schwul sei und sich nur nicht traue, mir dies zu erzählen. Weil er wusste, dass ich damals in einem pietistisch-konservativen Studentenwohnheim wohnte. Kein Wunder, wenn man so hört, was “wir” und ich damals so von uns gegeben haben. Und wem dieser heilsame Schock fehlt, dem kann man es nicht völlig verdenken, dass er den engen Blick der Kindheit noch mit sich trägt.
Trotzdem ist es aber traurig, wenn man lieber seine Kinderängste in (Kirchen-)Politik umsetzen will, als anderen Menschen zu glauben, dass sie auch nur sie selbst und gleichzeitig Pfarrer sein wollen.

 


© 2012 Christian Stritzelbergers Blog // na ja und so // Was vom Theologen übrig bleibt

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